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Unser Mittelstand wird von Glaubenssätzen und Traumata limitiert

Warum der deutsche Mittelstand oft nicht an seinen Möglichkeiten scheitert, sondern an Überzeugungen, die älter sind als jedes Unternehmen

Der deutsche Mittelstand gilt als Rückgrat unserer Wirtschaft. Seine Unternehmen stehen für Qualität, Zuverlässigkeit und langfristiges Denken. Viele Familienbetriebe werden seit Generationen geführt, haben Krisen überstanden und sich einen Ruf erarbeitet, um den uns viele Länder beneiden.

Und trotzdem entsteht bei vielen Unternehmern irgendwann das gleiche Gefühl.

Das Unternehmen läuft. Die Zahlen sind ordentlich. Die Mitarbeiter geben ihr Bestes. Nach außen betrachtet scheint alles in Ordnung zu sein. Doch innerlich macht sich das Gefühl breit, dass deutlich mehr möglich sein müsste. Dass man härter arbeitet als je zuvor und trotzdem das Wachstum langsamer wird. Dass jede neue Herausforderung noch mehr Einsatz verlangt, aber immer seltener zu einem echten Durchbruch führt.

Dann beginnt die Suche nach den Ursachen. Die Politik. Die Bürokratie. Der Fachkräftemangel. Steigende Kosten. All das existiert und all das erschwert unternehmerisches Handeln.

Doch dieselben Rahmenbedingungen gelten auch für jene Unternehmen, die weiter wachsen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, warum die Bedingungen schwieriger geworden sind. Sondern warum manche Unternehmer trotz derselben Bedingungen vorankommen, während andere das Gefühl haben, gegen eine unsichtbare Wand zu laufen.

Was wir von früher mit uns tragen

Kaum jemand gründet ein Unternehmen mit der bewussten Entscheidung, sich selbst zu begrenzen. Dennoch übernehmen wir weit mehr als Fachwissen oder handwerkliche Fähigkeiten von den Generationen vor uns.

Wir übernehmen auch ihre Überzeugungen.

Deutschland wurde von Ereignissen geprägt, die tiefe Spuren hinterlassen haben. Kriege, Hyperinflationen, wirtschaftliche Unsicherheit und Jahrzehnte des Wiederaufbaus haben eine Kultur entstehen lassen, in der Sicherheit einen außergewöhnlich hohen Stellenwert besitzt. Vorsicht war keine Schwäche, sondern überlebenswichtig. Risiken wurden vermieden, Reserven aufgebaut und Probleme lieber zweimal geprüft als einmal zu wenig.

Diese Haltung hat den deutschen Mittelstand stark gemacht.

Sie erklärt, warum deutsche Unternehmen weltweit für Qualität und Verlässlichkeit stehen.

Doch dieselbe Denkweise kann irgendwann zu einer Grenze werden.

Denn viele der Glaubenssätze, die vor fünfzig oder achtzig Jahren sinnvoll waren, steuern noch heute Entscheidungen, ohne dass sie jemals hinterfragt werden.

Wenn aus einer Stärke eine Bremse wird

Viele Unternehmer sind überzeugt, dass sie Verantwortung selbst tragen müssen. Schließlich hat genau diese Haltung das Unternehmen dorthin gebracht, wo es heute steht.

Also kontrollieren sie jede wichtige Entscheidung selbst. Sie arbeiten länger als ihre Mitarbeiter, springen überall ein und verlassen das Büro oft als Letzte.

Anfangs funktioniert das hervorragend.

Mit wachsender Unternehmensgröße verändert sich jedoch das Spiel.

Plötzlich ist nicht mehr die fehlende Arbeitszeit das Problem, sondern die begrenzte Aufmerksamkeit des Unternehmers. Entscheidungen bleiben liegen, Mitarbeiter entwickeln sich langsamer und das Unternehmen wird immer abhängiger von einer einzigen Person.

Dennoch halten viele an genau dem Verhalten fest, das sie einst erfolgreich gemacht hat.

Nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern weil sich Glaubenssätze niemals wie Glaubenssätze anfühlen. Sie fühlen sich wie Vernunft an.

Die teuersten Grenzen sieht man nicht

Kaum ein Unternehmer würde offen sagen, dass er Angst vor Wachstum hat. Er sagt stattdessen, dass der Markt gerade schwierig sei.

Kaum jemand würde behaupten, Verantwortung nicht abgeben zu können. Er erklärt, dass es einfach keine guten Mitarbeiter mehr gebe.

Und fast niemand würde zugeben, dass Sichtbarkeit unangenehm ist. Man sagt lieber, gute Arbeit spreche für sich.

Jeder einzelne Satz klingt nachvollziehbar. Gerade deshalb sind diese Überzeugungen so mächtig. Sie verhindern Veränderung, ohne dass der Betroffene überhaupt bemerkt, dass sie sein Handeln bestimmen.

Warum andere Unternehmer schneller wachsen

Wer erfolgreiche Unternehmer beobachtet, stellt häufig fest, dass sie deutlich früher beginnen, an sich selbst zu arbeiten als an ihrem Unternehmen.

Coaches, Mentoren oder Sparringspartner gehören dort für viele selbstverständlich zum Unternehmeralltag. Nicht weil sie schwach wären oder ihre Arbeit nicht beherrschen, sondern weil sie verstanden haben, dass jeder Mensch blinde Flecken besitzt.

Bei vielen Unternehmern herrscht dagegen oft noch die Vorstellung, dass man alles alleine schaffen müsse.

Dabei geht es gar nicht darum, Hilfe zu brauchen. Es geht darum, schneller zu erkennen, wo die eigenen Denkweisen den nächsten Entwicklungsschritt verhindern.

Denn irgendwann entscheidet nicht mehr das Fachwissen über den Unternehmenserfolg. Es entscheidet die Persönlichkeit des Unternehmers.

Das macht den Unterschied in der Praxis.

Der eigentliche Engpass

Vielleicht liegt die größte Herausforderung des deutschen Mittelstands deshalb gar nicht in den äußeren Umständen.

Eher liegt sie darin, dass viele Unternehmer versuchen, die Zukunft mit Überzeugungen zu gestalten, die in einer völlig anderen Zeit entstanden sind.

Unsere Geschichte hat uns Eigenschaften geschenkt, die bis heute wertvoll sind: Disziplin, Qualität, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein.

Doch jede Stärke kann zur Schwäche werden, wenn sie nie hinterfragt wird.

Unternehmerisches Wachstum beginnt deshalb oft nicht mit einer neuen Strategie, einer besseren Software oder einem zusätzlichen Mitarbeiter.

Es beginnt mit der Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Denn kein Unternehmen wächst dauerhaft über die Grenzen der Person hinaus, die es führt. Und manchmal ist genau diese Erkenntnis der Anfang der größten Veränderung.

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Unternehmen

Autor

Slatco Sterzenbach
Slatco Sterzenbach hat 17 IRONMAN erfolgreich absolviert, ist SPIEGEL-Bestsellerautor und Experte für mentale und physische Peak Performance für Unternehmer und Spitzensportler. Er coachte unter anderem auch schon diverse Weltmeister.

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