Fast zwanzig Jahre lang habe ich Führung gelebt — nach außen. Ich habe Entscheidungen getroffen, funktioniert und geliefert. Doch gleichzeitig war ich in einem System gefangen, das mich innerlich zerstörte: Bulimie. Nicht als jugendliche Phase. Nicht als kurzfristige Krise. Sondern als täglich gelebtes Doppelleben, tief verborgen hinter Kompetenz, Disziplin, und scheinbarer Stärke und verschlossenen Türen. Heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach meinem Wendepunkt, begleite ich Frauen, die genau dort stehen, wo ich einmal stand. Ich zeige ihnen etwas auf, das ich damals nicht hören konnte: Das größte Führungsversagen ist nicht eine falsche Entscheidung. Es ist die Unfähigkeit, sich selbst ehrlich zu begegnen.
Was Kontrolle mit Führung zu tun hat — und warum sie zur unsichtbaren Falle wird Führungskräfte werden für ihre Entschlossenheit bewundert. Für ihre Belastbarkeit. Für die Fähigkeit, in Drucksituationen einen kühlen Kopf zu bewahren uvm. Diese Eigenschaften gelten als Stärken — und sie sind es auch. Solange, bis sie es nicht mehr sind. Ich kenne diesen Punkt, wo sich alles verschiebt, aus eigenem Erleben. Irgendwann ist Kontrolle kein Werkzeug mehr, sondern ein Zwang. Man kontrolliert nicht mehr, weil es hilft — man kontrolliert, weil man nicht mehr aufhören kann. Und weil das Nicht-Kontrollieren sich anfühlt wie ein freier Fall. Bulimie ist in ihrem Kern kein Essproblem. Sie ist ein Kontrollsystem, mit dem die Betroffenen sich selbst zerstören. Eines, das sich dort entwickelt, wo Gefühle keinen Platz haben, wo Schwäche verboten ist und wo der eigene Wert dauerhaft an Leistung und Perfektion geknüpft wird. Genau das sind die Bedingungen, unter denen viele Führungskräfte täglich arbeiten — und leben. Nach außen stabil, innen im Teufelskreis gefangen: Der Preis des erzwungenen Funktionierens Was mich damals am stärksten beherrscht hat, war eine einzige Überzeugung: Ich darf nicht aufhören zu funktionieren und muss perfekt abliefern. Für das Team, für die Erwartungen, für das Bild nach außen. Je größer der Druck wurde, desto mehr musste ich kompensieren — und brauchte die Essstörung, um ihn auszuhalten. Um zu überleben. Das ist keine Schwäche des Charakters. Es ist die logische Folge eines Systems, das Selbstwahrnehmung systematisch abwürgt. Die Forschungen von Soenens, Nevelsteen und Vandereycken (2007) bestätigt, was ich aus eigenem Erleben kenne: Perfektionismus und hohe Selbstansprüche gelten als zentrale Faktoren, die essstörungsspezifische Muster stab...
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